Ein Reisemärchen

Ein Reisemärchen

 

Es war einmal ein junger Freimaurer, der sich an der großen, weiten Welt messen wollte. Seine Logenbrüder befürworteten sein Vorhaben.

Er sollte sich in der Welt umschauen, Erfahrungen sammeln, sich Fragen stellen und nach Antworten suchen. Nach seiner Reise sollte er sich wieder einfinden, um durch seine Berichte seine Loge zu bereichern.

Mit dem ausgestattet, was man für die ersten Reiseetappen halt so benötigt, hatten seine Brüder ihm einen großen Stein mitgegeben, dessen Gewicht ihn an den Ernst seiner Unternehmung und an seine maurerische Pflicht erinnern sollte. Er sollte ihn gedanklich nicht aus den Augen lassen und sich mit dem tiefen Sinne des Steines auseinandersetzen.

 

Der Maurer war ein reiselustiger, weltoffener und neugieriger Mensch.  Da seine Brüder ihm diesen Stein anvertraut hatten, wollte er ihn während seiner Freizeit mit Hammer und Meißel bearbeiten mit der Absicht, ihn am Ende der Reise durch seine Arbeit veredelt zurückzubringen.

 

Er hatte seine Reise so geplant, dass er innerhalb eines Jahres verschiedene Erdteile besuchen würde.

Zuerst führte ihn die Reise südwärts, über das Mittelmeer nach Nordafrika. In einer Oase schloss er sich einer Karawane an, die die Sahara durchqueren und ihn in das Innere des schwarzen Kontinents bringen sollte, da wo die Menschen ihm unbekannte Lebensweisen, Glauben und Traditionen haben.

Eines Abends befand er sich im Weideland  mit einer Gruppe von schwarzhäutigen Nomaden eines Hirtenstammes, die sich zum Palaver eingefunden hatten. Der Stammesälteste war sehr besorgt, denn ein Kind war von einem Skorpion gestochen worden und der Medizinmann war aufgeregt. Zur Behandlung des Stiches hatte er das Nötige: Heilkräuter, frisches Ziegenblut und die nötigen Zaubersprüche kannte er sowieso. Es fehlte nur ein wesentliches Element zur Ausführung des Heilrituals: das mineralische Element, das man in dieser Halbwüste sehr selten vorfindet.

Dem Bruder war aufgefallen, dass der Blick des Medizinmanns mit einer gewissen Aufdringlichkeit den Stein ins Visier genommen hatte, den er seit Tagen beschwerlich mitschleppte und an dem er arbeiten wollte. Sich der Besorgnis der Nomaden bewusst, bat er, für die Ausführung des Rituals einen Teil des Steines zu opfern und, obwohl er skeptisch war, schlug er mit Hammer und Meißel  im rechten Winkel einen großen Splitter ab. Die Augen des Medizinmannes leuchteten auf und er zog sich zurück an einen Ort, der sich für das Anflehen der Schutzgeister eignete.

Die Leute legten sich zur Ruhe. Am nächsten Tag wurde er von den aufgeregten Nomaden wachgerüttelt. Dem Kind ging es merkbar besser. Man berichtete ihm voll des Dankes in der Stimme, dass das, was er in seiner rationalistischen Denkweise für abergläubischen Hokuspokus hielt, Wirkung gezeigt hatte und dass sein Stein über besondere Kräfte verfügte. Der Maurer war zwar immer noch nicht von etwaigen Wunderkräften seines Steines überzeugt, aber er sagte sich: « Hätte deine Ratio Überhand genommen und du hättest den Stein nicht geteilt, müsstest du jetzt mit dem Vorwurf eines kalten Herzens leben. »

 

Der Maurer schaute seinen Stein an und dachte: Nun, hätte ich dich nicht mit auf Reisen genommen, so hätte ich als Maurer heute keinen Lohn erhalten. Und leichter bist du übrigens auch geworden…

 

Einige Tage Seefahrt auf einem arabischen Handelsschiff gaben dem Maurer die Gelegenheit, so Etliches von seinen persönlichen Wahrheiten auf den Prüfstein zu setzen und er musste zugeben, dass es nicht nur eine unantastbare, sondern eine Vielfalt von Wahrheiten geben könnte.

Nach einigen Tagen des Eintauchens in die ihm fremde, und doch durch ihre universalen menschlichen Züge intuitiv nahe Kulturen, beschloss der Maurer, sich einer Gruppe von Pilgern anzuschließen.

 

Es geschah während der wochenlangen mühsamen Weiterreise, dass ihr Weg durch unwirtliches Land in Nordindien den Weg einer Familie von Zigeunern kreuzte, die als Berufsmusikanten seit Generationen von einem Jahrmarkt zum andern ziehen. Diese kleine Gruppe hatte in der Steppe ein Zelt aufgeschlagen. Sie war aber sehr besorgt, weil die Sonne sich schon neigte und sie kein Lagerfeuer zünden konnte, um sich zu wärmen und etwaige wilde Tiere fernzuhalten. Das nötige Brennholz hatten die Leute zwar eingesammelt, hatten aber nichts Verwertbares, um es anzuzünden.

 

Dem Maurer fiel ein, dass er doch diesen Stein mitschleppte, dessen Gewicht ihn noch immer gehörig ins Schwitzen brachte. Er packte ihn prompt aus, und beim Anblick dieses für nicht Eingeweihte eigentlich bedeutungslosen Gegenstandes erklangen Worte der Erleichterung und Genugtuung. Der Bruder hatte sofort verstanden, wie er helfen konnte. Mit Hammer und Meißel wurden im rechten Winkel Steinteile abgeschlagen und es dauerte nicht sehr lange, bis dass durch ihr Aneinanderreiben einige Funken flogen und bald ein Feuer loderte.

Das dankbare Lächeln der Mütter, die Beteuerungen der Gruppe, unterstrichen von einer musikalischen Darbietung durch die Künstler waren für den Maurer ein reicher Lohn. Er war dem Stein irgendwie dankbar, den Menschen Feuer gespendet und gleichzeitig sein Herz erwärmt zu haben.

 

Als der Maurer nach etlichen weiteren Erlebnissen an einen größeren Hafen gelangte, stieg er auf ein Schiff mit Kurs auf die Gewürzinseln. An Bord befand sich eine Großfamilie, welche eine recht anmutige zukünftige Braut zu ihrer Hochzeit begleitete. Ein junger Mann, mit dem der Maurer sich angefreundet hatte, zeigte auf die aufgestapelten Hochzeitsgeschenke und sagte: »Ich bin ein entfernter Verwandter der Braut, werde aber nicht an der Hochzeit teilnehmen können. Ich bin zwar ein begabter Handwerker, aber mittellos und ich habe kein Geld, um ein angemessenes Geschenk zu kaufen. Mit leeren Händen an einem solchen Fest teilzunehmen, ist für mich unvorstellbar und mein Herz ist gebrochen. »

 

Von der Trübsal des Mannes berührt packte der Maurer nach kurzer Überlegung seinen Stein aus und zeigte ihn mit den Worten: « Dieser Stein stammt aus meiner Gegend, und seit Beginn meiner Reise hat er schon manches erlebt. Gefällt er dir ? Du sagtest mir, dass du handwerklich begabt bist. Ich könnte dir ein Stück davon abgeben. Also… ? »

Verdutzt antwortete der junge Mann: « Wir kennen in unserer Gegend viele Steinarten, ob aus Sedimenten stammend oder vulkanischen Ursprungs. Eine solche Mineralie mit seiner ansprechenden grauen Farbe ist uns aber unbekannt. Wenn du mir einen Teil des Steines schenkst, werde ich ein schönes Amulett für das Brautpaar anfertigen, die Freude wird groß sein und ich werde würdevoll an der Feier teilnehmen können. »

 

Gesagt, getan ! 

Wie es in diesem Kulturkreis, in dem die Gastfreundschaft als hohes Gut gilt, üblich ist, wurde auch der Maurer auf die Hochzeit eingeladen und sein Herz frohlockte.

Es war ihm bewusst, dass seine Rückreise zu seinen geliebten Brüdern bevorstand. Sein Stein hatte so langsam eine geometrische Form angenommen, an der seine Logenbrüder erkennen würden, dass er keine Mühe gescheut hatte. Er buchte einen Platz an Bord eines Überseeschiffes, welches allerdings noch auf einer der Gewürzinseln Waren ausladen sollte.

 

Die Nachricht eines starken Erdbebens gerade in der berüchtigten Gegend des vulkanischen Feuerrings ließ ihn aufhorchen und er erahnte Schlimmes. Als das Schiff vor Anker ging, sah er schon von Weitem das Ausmaß des Desasters und er ging mit all denen an Land, die sich nützlich machen wollten.

Vor einer durch einen Erdrutsch verschütteten Siedlung stehend, hörte er, wie die Überlebenden sich jammernd beklagten, dass es unmöglich sein würde, die Toten zu bergen. Wo früher einige Hütten gestanden hatten, lag jetzt ein Massengrab. Die Opfer waren wie von der Erde verschlungen worden.

 

Besonders eine Familie erschütterte sein Herz und er beschloss, sich an sie zu wenden.

Als Geste der Empathie und der Pietät nahm der Maurer, allerdings nicht ohne Perplexität und innerer Zerrissenheit das, was von seinem Stein übrig geblieben war, und sagte dem Ältesten der vor der Erdmasse Versammelten: « Stirbt der Mensch, so ist die letzte Ruhestätte eines Verstorbenen der Ort, an dem sich die Hinterbliebenen Trost im Gedenken suchen können. Ihr habt nichts, um an die Namen eurer lieben Verstorbenen zu erinnern. Nehmt diesen von mir bearbeiteten Stein, auch das dazu gehörige Werkzeug !

Ihr werdet wenigstens eine Platte anfertigen können, in welche ihr die Namen eurer Angehörigen einmeißeln könnt. Der Stein wird dafür sorgen, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. »

                 

Der junge Maurer war im Tiefsten seines Herzens überzeugt gewesen, seinen so hart geprüften menschlichen Brüdern das schenken zu müssen, an dem er am meisten hing: das, was seine Logenbrüder ihm anvertraut hatten, das kostbarste Symbol seiner masonischen Arbeit, den Stein.

 

Aber gerade dieser Gegenstand hatte ihm während seiner Reise die Tür zu etwas geöffnet, was alle Menschen teilen: die Hoffnung, die Geborgenheit, die Freude, die Trauer. Und darüber hinaus, hatte er auch den Weg zu seinem eigenen Ich beschritten.

 

Als er in seiner Loge ankam und, von seinen Brüdern aufgefordert, zu zeigen, wie er seinen Stein bearbeitet hatte, sagte er: « Ich werde euch vielleicht enttäuschen, aber vom Stein ist in meinen Händen nichts übrig geblieben, denn ich habe ihn Stück für Stück verschenkt. Wir bauen am Tempel der Humanität. Der Stein an sich ist reglos und wird von allein nicht seinen Platz im idealen Tempel finden. Wir Maurer sind Mörtel und Handwerker zugleich. In dem Sinne habe ich gehandelt.

Ich hätte eigentlich noch viel mehr Steinstücke benötigt, denn genauer beobachtet, konnte ich symbolisch in jedem Menschen, dessen Weg ich kreuzte, einen sich im Aufbau befindlichen oder vom Einsturz bedrohten Bau sehen. Bei einigen Gelegenheiten habe ich vom Stein gegeben, um in der Not zu helfen. Das Geben war für mich der Ausdruck meiner Menschlichkeit, das was uns alle in unserer Vielfalt verbindet. Es schien mir auch, dass ich durch jede Geste des Gebens ein Etliches zurück erhielt. Es ist eigentlich unerklärlich, weshalb für mich Besitzen, Geben, Empfangen sich in einem ständigen Kreisverhältnis befinden. Wie die Kette unserer Hände das Fließen der Energie möglich macht, so öffnet die Geste des Gebens idealerweise den Weg des dankbaren Empfangens und des Weitergebens.

Und, noch ein Wort: Ich fühlte mich je erfüllter, umso mehr ich vom Stein gegeben hatte. Je mehr ich mich von der Materie losgelöst hatte, umso mehr hatte ich auch Tiefe und innere Klarheit empfunden.

Weniger Materie, mehr Geist. Das war der Lohn für meine Arbeit auf der großen Baustelle der Humanität. Und diesen Lohn wollte auch ich heute mit euch teilen. »

 

Ehe er sich an seinem Platz in der Loge niederließ, öffnete der Maurer zur allgemeinen Überraschung seinen Rucksack und entnahm ihm einen neuen rauen Stein, den er auf der Rückreise in einem Steinbruch gefunden hatte. Er zeigte ihn seinen Brüdern und beendete seinen kurzen Diskurs: « Als ich nichts mehr vom Stein übrig hatte, den Ihr mir anvertraut hattet, empfand ich ein sich in mir aufdrängendes Gefühl, den Stein ersetzen zu müssen.

Ich wurde mir bewusst, dass ich - als Maurer - untrennbar mit einem Stein verbunden bin. Und auch diesen rauen Stein werde ich bearbeiten. »

 

als Zeichnung aufgelegt

Trier, den 30.01.2026

PH